Kombatan-Camp in Mailand vom 20. - 22.4.2018

Donnerstagabend, 19. April, kurz nach halb neun: Aufbruch Richtung Italien zum Kombatan-Camp 2018 in Milano. Steffi fuhr. Mit an Bord waren Torsten, Manuel und Marko aus Leipzig. Endlich war es soweit. Mailand stand schon Ende 2017 auf dem Plan, doch leider wurde das Camp damals verschoben. Es gab Probleme mit dem Einreisevisum des Großmeisters Ernesto Presas Jr. nach Italien. Nun also der zweite Versuch, unter optimalen Voraussetzungen. Die Lombardei im Frühling, das versprach Sonne satt und eine Menge Motivation für ein sportliches Wochenende in südlichen Gefilden.
Zuerst ging es nach Langenbrettach in Baden-Württemberg. In die schwäbische Gemeinde unweit von Heilbronn luden uns die Eltern von Manuel zum Übernachten ein. Vor vier Jahren, als schon einmal eine Delegation aus Leipzig nach Mailand fuhr, geriet die Anreise zu einer Expedition von humboldtschen Dimensionen, sodass es geraten schien, die Strecke dieses Mal in Etappen aufzuteilen. Der Start in den Freitag war dementsprechend gelassen, die Verabschiedung nach einem sehr angenehmen Frühstück war herzlich und die Fahrt Richtung Schweiz war hoffnungsvoll. Die Reiseroute beeindruckte. Nach wenigen Stunden die ersten Berge, Wasserfälle von der anhaltenden Schneeschmelze, später die beeindruckenden Gebirgsseen der Schweiz. Zeitweise liefen drei Navigationsgeräte gleichzeitig aber die Topologie der Strecke verzieh kurze Orientierungsschwierigkeiten schnell und großzügig. Ab und zu rangen die Stimmen der Navis lautstark um Aufmerksamkeit. Bald durchbrach jedoch die Monotonie der Straßentunnel die hitzigen Wortgefechte und es blieb die stetige Warnung vor der nächsten Tunneleinfahrt. Was für ein hervorragende Grundlage für ein Trinkspiel. Wir alle blieben indes nüchtern. Steffi und Torsten wechselten sich am Steuer regelmäßig ab. Trotz Stau und mit vier Stunden Verspätung erreichten wir gegen zwanzig Uhr unser Hotel an der Autostrada im Süden von Mailand.
Der Hunger war mittlerweile unüberhörbar. Schräg gegenüber des Hoteleingangs auf der anderen Seite des Parkplatzes entdeckten wir eine Pizzeria mit viel Charme. Das Interieur war unverstellt italienisch und das Essen aufrichtig und sehr wohlschmeckend. Noch vor dem Hauptgang erblickten wir zwischen den internationalen Gästen bekannte Gesichter. Unsere Kampfkunstfreunde aus Österreich nahmen am Nebentisch Platz und der Abend fand einen sehr entspannten Ausklang.

Am Samstagmorgen begann für uns das Kombatan-Wochenende mit einem Frühstücksbuffet um sieben Uhr. Die beiden Österreicher waren im selben Hotel abgestiegen. Es war schnell beschlossene Ehrensache, dass die Zwei auch noch in den Prius passen. Mit den Stocktaschen auf dem Schoß kamen wir langsam in die Nähe der Trainingshalle. Arnisadores waren bereits auf den Gehsteigen unterwegs. Den Wochenmarkt direkt vor dem Objekt kannte Torsten schon von der letzten Reise. Diesmal fiel er nicht auf diese Sackgasse herein und parkte uns sicher in der Nachbarschaft der Halle. Nach einigem Händeschütteln und einer ersten Orientierung am Trainingsort machte unter den über einhundert Teilnehmern langsam eine beunruhigende Nachricht die Runde, die bald darauf von den Dojoleitern und Vereinstrainern bestätigt wurde. Leider hat die italienische Botschaft in Manila dem Großmeister Ernesto Presas Jr. kein Visum gewährt. Seniormaster Randy verkündete zwar noch die Hoffnung auf eine spätere Anreise des Großmeisters aber allen war bereits bewusst, dass das diesjährige Camp wohl auf die Expertise des Sohnes unseres Stilgründers verzichten musste. Auch der Seniormaster konnte seine Enttäuschung am Anfang nur schwer verbergen. Entschlossen das Camp zu retten, hatten sich bereits im Vorfeld der Eröffnung die Höchstgraduierten der Teilnehmervereine unter der Führung von Meister Remolin vor der IPMAF-Flagge an der Seitenlinie der Halle versammelt. Kurz nach der offiziellen Begrüßung startete ein italienischer Guro aus dem Team von Randy Remolin die Erwärmung der Teilnehmer.
Ich selbst trainiere erst seit circa eineinhalb Jahren Modern Arnis und die gezeigten Techniken waren für mich eine ganz schöne Herausforderung. Falsche oder fehlende Begrifflichkeiten in den nachfolgenden Beschreibungen, bitte ich daher zu entschuldigen. Die Erwärmung war nämlich nur von kurzer Dauer und bezog sich auf die Fußarbeit und grundlegende Sinawali-Drills. Der Fokus dieses Seminars wurde schnell klar und Seniormaster Randy verdeutlichte es mit jeder seiner Bewegungen. Es ging um den konstanten Fluss der Techniken, um richtiges Timing, um das Einlassen auf die Bewegungen des Gegners und besonders um die vollständige Kontrolle der Situation. Mit dem Ziel, uns sein ganz persönliches Verständnis des Kombatan näher zu bringen, zeigte er uns Bewegungsbilder des Palis Palis. Die präzise Technik war erst einmal nebensächlich. Aus einer entspannten Eins-Eins-Situation heraus ging es um das Umlenken des gegnerischen Angriffs. Einem kurzen Konter folgend, sollte der Gegner zum nächsten Schlag eingeladen werden, danach den erneuten Angriff aufnehmen, Trapping, abschließende Folgetechnik nach eigenem Geschmack. Fußarbeit sollte hier besonders wichtig werden. Der V-Schritt aus der Grundschule fiel mir wieder ein. Jetzt wurde mir dessen Bedeutung richtig bewusst. Ob mit Stock, Messer oder Mano Mano: Master Randy hielt das Niveau hoch. Er demonstrierte die Bewegungsfolgen und schilderte anschaulich ihre Übertragbarkeit auf die verschiedenen Systeme des Kombatan. Relaxe – Movement – Timing. An diese Worte werde ich mich noch lange erinnern. Irgendwann verlor ich mich allerdings in den anspruchsvollen Bewegungsfolgen. Es war Herausforderung genug, die einzelnen Techniken aneinander zu ketten. Da blieb kaum Platz zum Entspannen. Bevor die Motivation allerdings in Frust umschlagen konnte, war der erste Trainingstag auch schon vorbei. Der Plan stand: morgen sollte es besser laufen.

Der Vorteil von Lehrgängen und Trainingscamps liegt in der Geselligkeit und dem gegenseitigen Austausch, auch über Vereins- und Graduierungsgrenzen hinweg. Der Samstagabend diente diesem Austausch und nach einem kleinen Spaziergang fast ohne „Sightseeing“, dafür aber mit „Shopping“ von Olivenöl und Wein, traf man sich in einem Gasthaus. Tschechien und Österreich waren schon da. Unsere böhmischen Kollegen hatten zu Mittag in der Halle bereits bewiesen, welchen Stellenwert das gute Pils in ihrer Kultur besitzt. Auch am Abend enttäuschten sie nicht. Bald waren Stimmen aus aller Herren Länder in dem langen Raum am Atrium zu hören. Ein Meister aus Schweden, ein Ire aus Sachsen und eine koreanische Schülerin verblüfften uns mit ihren Deutschkenntnissen. Zusammen mit dem Seniormaster führten wir angenehme Gespräche und so fand der erste Trainingstag einen gebührenden Ausklang.

Am nächsten Morgen galt es dann, noch einmal alles zu geben. Diesmal lief es wirklich besser. Den verbissenen Blick kurz weg von den Techniken lenken und mehr der Fußarbeit und damit dem Fluss folgen – das funktionierte echt gut. Es half, sich auf die verschiedenen Partner einzulassen und erfahrene Arnisadores anzusprechen. Besonders für die grundlegenden Bewegungstechniken hatte jeder hilfreiche Tipps parat und überall auf dem Parkett standen Hochgraduierte zur Unterstützung bereit. Einige von ihnen hatten in der Mittagspause das zweideutige Vergnügen, einen Initiationsritus über sich ergehen zu lassen. An der Schwelle zum Instruktor beziehungsweise Lakan Isa durften die Adepten unter dem Eindruck von Kerzenwachs und Gürtelschlägen ihre Treue zur IPMAF beweisen. Trotz der Schmerzen war die gegenseitige Wertschätzung offensichtlich. Honoriert wurde das Ganze später mit Urkunden und Gratulationen vom Seniormaster und einem Repräsentanten der Philippinischen Botschaft. Nach abschließenden Worten und einem aufrichtigen Dank an alle Unterstützer und Teilnehmer des Camps ging es für uns dann wieder zurück über die Berge. Ohne auf den obligatorische Stau vor dem teilweise gesperrten Gotthardtunnel näher eingehen zu wollen, kamen wir nach einem kurzen Stopp im Schwäbischen wieder heil in Leipzig an. Als Ergebnis eines spannenden Wochenendes blieben 2.200 km Reisestrecke sowie beeindruckende und motivierende Kampfkunsterfahrungen.


Text: Marko Grunemann